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Aufgaben der Sportbekleidung
Was erwarten wir von Sportbekleidung? Sie muss uns gefallen. Na klar! Sie muss gut sitzen und darf unseren Bewegungsdrang nicht einschränken. Klingt logisch. Sie soll bestens verarbeitet sein. Strapazierfähigkeit ist wichtig. Sie ist Reibungen, Zugbelastungen und auch Reißen ausgesetzt. In extremen Fällen muß sie einen Sturz vom Rad oder beim Inline Skaten aushalten.
Nicht nur Sport und die sportliche Bewegung strapazieren Textilien. Auch bei der Reinigung und Pflege tritt Verschleiß auf. Sportbekleidung wird schnell schmutzig. Schweiß. Radschmiere. Grünflecken. Da wird die Waschmaschine schnell zum engsten Freund für das Lieblingsstück.
Dies alles sind Standardanforderungen an Sportbekleidung. Das Ende der Fahnenstange ist an der Stelle aber noch nicht erreicht. Sportbekleidung muss noch weit mehr leisten. Wichtiger als Design, Farbe und Pflege sind die sogenannten bekleidungsphysiologischen Aufgaben, die Sportmode zu erfüllen hat.
Was bedeutet das? Unter Bekleidungsphysiologie verstehen wir das Zusammenspiel von Körperklima, dem Umgebungsklima und der Kleidung, die wir tragen. Daraus ergibt sich der funktionelle Anspruch der Sportbekleidung. Bekleidungsphysiologen nennen das in erster Linie Tragefunktionen. Sie setzen sich aus den ergonomischen und den physiologischen Funktionen zusammen.
Während die ergonomischen Funktionen mit Passform,
Bewegungsfreiheit und Schnittgestaltung zu tun haben, unterstützen
die physiologischen Funktionen das Temperaturmanagement des Körpers.
Sie kühlen und wärmen. Meist sogar gleichzeitig. Und das vor,
während und nach dem Sport.
Funktionsbekleidung hat außerdem eine klare Schutzfunktion vor den Kapriolen des Wetters: Kälte, Wind und Regen kühlen den Menschen schnell aus, wenn er die falsche oder unzureichende Bekleidung trägt. Auskühlung beeinflusst die natürliche Leistungsfähigkeit, im Alltag wie beim Sport.
Betrachtet man die Aufgaben der Sportbekleidung, sind es letztlich also eher subjektive Faktoren, die über den Tragekomfort eines Textils entscheiden. Wie fühlt es sich auf der Haut an? Wie sitzt es am Körper? Wie weich ist der Stoff? Kratzt er oder fühlt er sich kalt an? Wie schwer oder leicht ist das Textil? Wie "laut" ist der Stoff?
Kurz: Funktionelle Sportbekleidung hat die Aufgabe, einerseits den Körper zu wärmen und ihn andererseits beim Abkühlen zu unterstützen. Diesem Gegensatz gerecht zu werden klingt nach Zauberei! Dennoch hat das mehr mit Physik als mit schwarzer Magie zu tun.
Der Körper als Klimaanlage
Temperaturempfinden ist ein sehr subjektives Empfinden. Menschliche Lebensräume können sich über 70°C Temperaturdifferenz erstrecken. Von extremer Kälte bis großer Hitze. Der Körper muss nur entsprechend geschützt werden. Eine Abweichung von der Körperkerntemperatur von 37°C um acht Grad - je vier Grad plus oder vier Grad minus, kann allerdings verherrende Folgen haben. Bei 41 Grad haben wir ebensgefährlich hohes Fieber, bei 33 Grad kühlt unser Körper auf bedrohliche Art und Weise aus.
...zusätzliche zwei Grad plus oder zwei Grad minus haben bereits tödliche Folgen. Das sind enge Grenzen. Quelle: H. D. Backhaus
Betrachtet man die Wärmeproduktion, zu der der menschliche Körper fähig ist, wird es noch interessanter: Hochleistungssportler auf Wettbewerbsniveau erzeugen locker 1.000 Watt pro Stunde und mehr. Ein Radrennfahrer bei der Tour de France beispielsweise produziert bis zu 15.000 Watt am Tag.
Wohin mit dieser Energie, die als Wärme auftritt? Die Muskeln können lediglich ein Drittel der Energie in die sportliche Bewegung umsetzen. Der große Rest ist überflüssig und muss weg! Würde diese überschüssige Energie im Körper bleiben, käme es in kürzester Zeit zur Überhitzung, im schlimmsten Fall zum Hitzeschlag.
Was passiert mit der überschüssigen Körperwärme? Die Ableitung erfolgt auf zwei Wegen:
H. D. Backhaus
- etwa 10 Prozent entweichen über die Atmung
- die restlichen 90 Prozent werden über die Haut nach außen abgegeben.
Die Haut ist das größte Organ des Menschen und regelt den Temperaturhaushalt des Körpers. Sie ist sozusagen die körpereigene Klimaanlage. In der Haut sitzen viele Millionen Schweißdrüsen. Die treten bei zuviel Wärme im Körper sofort in Aktion und der Körper beginnt so zu schwitzen, dass wir es merken. Genau genommen schwitzt man permanent - auch im Ruhezustand und während des Schlafes. Jede Nacht schwitzen wir etwa einen halben Liter Feuchtigkeit aus.
Bei sportlichen Aktivitäten können es pro Stunde bis zu zwei Liter sein. Schwitzen kühlt den Körper: Schweiß und Nässe, die sich auf der Haut bilden, verdunsten und dabei wird überschüssige Wärme von der Hautoberfläche abgeführt. Ein geniales, total automatisiertes Körperprinzip.
...der Körper hat einen wirksamen Regelmechanismus gefunden, um seinen Wärmehaushalt zu regulieren. Quelle: H. D. Backhaus
Funktionelle Sportbekleidung soll diesen Prozeß unterstützen. Dieses von der Natur vorgesehene Prinzip funktioniert nur, wenn der Schweiß tatsächlich nach außen gelangen kann. Ihm stehen zwei Wege zur Auswahl:
- direkt durch die Kleidung
- durch Ventilationsöffnungen wie Kragen, offene Reißverschlüsse, Säume und verstellbare Bündchen oder speziellen Belüftungsöffnungen.
Problematisch wird es, wenn der Schweiß zu lange auf der Haut bleibt, denn dann wird es unangenehm kühl. Dem anfänglichen Frösteln folgt bald das Frieren. Gefährliche Verdunstungskälte naht!
Bei Pausen während sportlicher Aktivitäten, wie zum Beispiel das Warten am Lift oder die Verschnaufpause beim Wandern, wird keine Wärme mehr produziert, dem Körper aber durch die kontinuierliche Verdunstung weiterhin Wärme entzogen. Das bedeutet einen Nettowärmeverlust. Der Körper kühlt langsam aus.
Niedrige Temperaturen verstärken, Wind potenziert sogar diesen Effekt - den so genannten Windchill-Effekt. Jetzt muss die Bekleidung sofort weiteren Wärmeverlust verhindern. Ein Auskühlen des Körpers birgt nicht nur mittelfristig ein Gesundheitsrisiko, es vermindert sehr kurzfristig auch die Leistungsfähigkeit.
Die Sportbekleidung ist also dafür zuständig, dass Schweiß von der Haut genommen und nach außen geleitet wird. Er entweicht, in der Fachsprache diffundiert, in Dampfform durch die einzelnen Textilschichten. Die Richtung ist dabei vorgegeben: immer dem Temperaturgefälle folgend von warm nach kalt, also von innen nach außen.
Voraussetzung ist, dass die Materialien der Textilien dafür geeignet sind. Die eingesetzten Fasern sollten keine Feuchtigkeit in sich aufnehmen, sondern sie an ihrer Faseroberfläche oder im Innern leiten können.
Um diese Funktion zu erreichen, werden synthetische Fasern wie Polyester (PES), Polyamid (PA) oder Polypropylen (PP) eingesetzt. Ihre Feuchtigkeitsaufnahme liegt zwischen nahezu 0 Prozent (PP), über 2-4 Prozent (PES) bis etwa 6 Prozent (PA) des Eigengewichtes.
Naturfasern reagieren dagegen anders. Baumwollfasern und -garne nehmen bis zu 40 Prozent des Eigengewichts an Feuchtigkeit auf. Sie quellen auf und die Poren im Gewebe schließen sich. Wasserdampf kann nicht mehr nach außen diffundieren mit der Folge, dass die Luftzirkulation innerhalb der Bekleidung unterbrochen ist.
Synthetische Fasern sind hier im Vorteil. Allerdings müssen sie wasserabstoßend (hydrophob) ausgerüstet sein, sonst können sie keinen Wasserdampf entlang ihrer Faseroberfläche leiten. Ein weiterer Vorteil der geringen Feuchtigkeitsaufnahme: Das Material trocknet sehr schnell.
Funktioniert der Feuchtigkeitstransport gut, vor allem in der ersten Bekleidungsschicht - der Sportunterwäsche - fühlt sich die Haut warm und trocken an. Die Wäsche klebt nicht, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit bleiben erhalten. Das macht den Tragekomfort eines Bekleidungsstückes aus.
Aber damit das gesamte System so funktioniert, müssen alle Bekleidungsschichten funktionell aufeinander abgestimmt sein. Deshalb spricht man bei funktioneller Bekleidung von einem Lagensystem oder auch Zwiebelsystem:
- 1. Lage (Funktionswäsche)
- 2. Lage (Isolationsschicht)
- 3. Lage (Wetterschicht)
Alle drei Lagen oder bei extrem kalten Temperaturen auch mehr Lagen
als diese, müssen funktionell zusammenwirken, um dem Körper
optimale Bedingungen zu bieten. Als Faustregel gilt deshalb: Verzichten
Sie auf Naturfasern - vor allem Baumwolle! Es sei denn, sie ist gezielt
und gekonnt eingesetzt.
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